"Aber Sie waren ein Kind"
Einer der ehrlichsten Sätze, die ich je gehört habe. Und einer der emotionalsten Momente in meinem Leben: „Aber Sie waren ein Kind.“
Dieser Satz hat etwas in mir zum Stillstand gebracht. Und gleichzeitig etwas geöffnet.
Denn plötzlich fragte ich mich: Hatte ich all die Jahre eigentlich alles, was in meiner Vergangenheit passiert war, in Schutz genommen?
Ich hatte vieles verstanden, erklärt und relativiert. Ich konnte die Perspektive der anderen sehen. Aber wie hatte es sich für mich als Kind angefühlt? Ich wusste, warum Menschen so gehandelt hatten, wie sie gehandelt hatten. Ich konnte ihre Perspektiven verstehen und Zusammenhänge erkennen.
Aber während ich Verständnis für die anderen hatte, war da für das Kind, das ich einmal gewesen war, erstaunlich wenig Raum.
Denn ein Kind versteht nicht alles. Es kann die Welt nicht aus der Perspektive eines Erwachsenen betrachten. Es kann nicht wissen, dass das Verhalten anderer Menschen nicht automatisch etwas mit seinem eigenen Wert zu tun hat.
Ein Kind erlebt. Es fühlt. Es passt sich an. Es versucht, zurechtzukommen.
Und vielleicht hatte ich irgendwann begonnen, meine eigene Geschichte nur noch aus der Perspektive der Erwachsenen zu betrachten – und dabei vergessen, wie sie sich für das Kind angefühlt haben könnte.
Eine neue Perspektive
Die Kunsttherapie hat mir geholfen, genau dort hinzuschauen – ohne alles sofort mit dem Verstand erklären zu müssen.
Durch Farben, Formen und Bilder konnte sichtbar werden, was sich mit Worten nur schwer greifen ließ. Ich konnte mein Erleben von außen betrachten und dadurch etwas Abstand gewinnen. Und plötzlich sah ich nicht mehr nur meine Geschichte. Ich sah auch das Kind, das ich einmal war. Nicht, um die Vergangenheit neu zu schreiben. Nicht, um Schuldige zu suchen.
Sondern um mir selbst mit mehr Verständnis zu begegnen. Ich glaube heute nicht, dass wir unsere Vergangenheit irgendwann einfach hinter uns lassen müssen.
Vielleicht geht es vielmehr darum, unsere Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten zu dürfen.
Wir können nicht verändern, was war. Aber wir können verändern, welchen Platz das Vergangene in unserem heutigen Leben bekommt.
Manchmal braucht es dafür ein Gespräch oder eine Frage, die wir uns bisher nicht erlaubt haben. Und manchmal braucht es einen kreativen Zugang, weil unser Verstand längst eine Erklärung gefunden hat, während unser Inneres noch etwas anderes erzählt.
Für mich war die Kunsttherapie genau so ein Raum. Ein Raum, in dem ich nicht funktionieren, erklären oder verstehen musste, sondern einfach wahrnehmen durfte.
Der Satz „Aber Sie waren ein Kind“ hat meine Vergangenheit nicht verändert.
Aber er hat verändert, wie ich auf mich selbst schauen konnte.


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